Joseph von Eichendorff

 

Aus dem Leben eines Taugenichts

Autor und Werk    Inhalt und Thema der Novelle    Aufbau und Struktur

Figurencharakterisierung/-konstellation     Erzählweise    Zentraler Konflikt

Dingsymbol/Leitmotiv    Literaturgeschichtliche Einordnung

1. Autor und Werk

 

Joseph Freiherr von Eichendorff, geboren am 10. März1788 auf Schloß Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien, war ein bedeutender deutscher Lyriker und Erzähler des 19. Jahrhunderts. Er entstammte einem der ältesten Adelsgeschlechter. Zuerst durch Hauslehrer erzogen, besuchte er von 1804 an das Gymnasium in Breslau und bezog die Universitäten Halle und Heidelberg. Nach längeren Reisen bestand er in Wien die juristische Staatsprüfung und meldete sich 1813 als Freiwilliger bei den Lützworschen Freikorps (Teilnahme an den Befreiungskriegen). 1815 heiratete er Aloysia Anna Viktoria von Larisch. Im Jahre1816 übernahm er den Posten als Refrendar bei der Regierung in Breslau, wobei anzumerken ist, daß er dort ohne Gehalt arbeitete und somit ein aus finanzieller Sicht eingeschränktes Leben führte. Danach wurde er Beamter im Kultursministerium in Berlin. 1821 begann er dann die Tätigkeit als Regierungsrat in Danzig, bei welcher er zum ersten Mal ein ausreichendes Gehalt verdiente, um seine inzwischen schon vier Kinder umfassende Familie zu ernähren. .Im Jahre 1824 wurde er Mitglied der ostpreußischen Regierung als Oberpräsidialrat in Königsberg bis er 1831 schließlich wieder nach Berlin ins Kultursministerium zurückkehrte, wo er eine Ratstselle inne hatte. 1844 trat er in den Ruhestand und lebte an verschiedenen Orten, bis er nach dem Tod seiner Gattin (1855) seine letzten Jahre in Neiße im Hause seiner Tochter verbrachte, wo er letztlich am 26. November 1857 starb.

Abgeschlossen wurde das zu Lebzeiten wohl bekannteste Werk des Autors ÆAus dem Leben eines Taugenichts" 1822/1823. Im Jahre 1826 erschien die komplette Novelle, welche als Höhepunkt lyrisch-musikalischer Stimmungskunst bezeichnet wird und als beispielhafter Text für das Leben der Spätromantik galt, zusammen mit ÆDas Marmorbild" in Berlin. Weitere bedeutende Werke sind:

 

Ahnung und Gegenwart, 1815

Das Marmorbild, 1819

Dichter und ihre Gesellen, 1834

Schloß Dürande, 1837

2. Inhalt und Thema der Novelle

Sehnsucht nach der Ferne, aber auch väterlicher Unmut führt den jungen Sohn eines Müllers in die Welt hinaus, in der er sein Glück machen will. Mit seiner Geige streift er ziellos umher und läßt sich von Zufällen und Abenteuern bestimmen, deren erstes ihn auf ein Schloß in der Nähe Wiens führt. Hier wird er Gärtnerbursche und Zolleinnehmer und verliebt sich in Aurelia, eine der Æschönen Damen" des Schlosses. Ihre Unerreichbarkeit treibt ihn jedoch, seine Wanderung fortsetzen. Sein Weg führt ihn nach Italien, wo er sich in eine bunte und geheimnisvolle Kette Liebeleien unter verkleideten Gräffinen, Bauern, Malern und Musikanten verwickelt, bis ihn endlich die Sehnsucht nach der Heimat und nach Aurelie aus Rom fortlocken. Mit einer Schar musizierender Studenten aus Prag kehrt auf einem Donauschiff zum Schloß zurück und erfährt, daß die unnahbare Dame keine Gräfin, sondern eine Nichte des Schloßportiers ist und ihn liebt. Die undurchsichtige Lage entwirrt sich und man heiratet schließlich.

3. Aufbau und Struktur

Die Novelle gliedert sich in zehn Kapitel, wobei ein kreisförmiger Aufbau zu erkennen ist, d.h. jeweils zwei Kapitel gehören zusammen und Anfang und Ende sind aufeinander bezogen. Desweiteren findet nach jedem zweitem Kapitel ein Aufbruch statt, d.h. ein neuer Ort wird aufgesucht. Außerdem ist der Ausgangspunkt Wien gleichzeitig auch der Endpunkt dieser Novelle.

Der Aufbau im Überblick:

1./2. Kapitel: Aufenthalt in Wien

3./4. Kapitel: Reise nach Italien

5./6. Kapitel: Aufenthalt im Schloß

7./8. Kapitel: Aufenthalt in Rom

9./10. Kapitel: Reise zurück zum Ausgangspunkt Wien

4. Personencharakterisierung und -konstellation

Die Personen dieser Novelle lassen sich anhand ihrer Lebenseinstellungen in zwei Gruppen einteilen. Zum einen sind Charaktere vorhanden, welche optimistisch in die Zukunft blicken und demnach auch mutig, naturverbunden und abenteuerlusig leben. Diese Gruppe romantischer Menschen wird vom Taugenichts, dem Maler und dem Postkutscher vertreten.

Zum anderen sind Figuren enthalten (wie z.B. der Vater und die alten Bekannten, die Kameraden, der Portier und der Gärtner), welche als träge pessimistisch und langweilig bezeichnet werden können und im Kontrast zur anderen Gruppe stehen, d.h. einen typischen Spießbürger/Philister vertreten.

Taugenichts:

Er lebt völlig entgegen der bürgerlichen Lebensweise, was bedeute, daß ihm nichts so verhaßt ist, wie ein Leben, daß sich ausschließlich an Sicherheit und am eigenen Vorteil orientiert. Er lebt nach dem Motto Æin die Welt gehen und sein Glück machen"(S.3, Z.14ff.). Glück definiert er als Liebe, Spaß und Freude. Der typisch romantische Mensch wird also vom Taugenichts präsentiert.

Gärtner:

Der Gärtner steht in dieser Novelle stellvertretend für einen Philister/Spießbürger, dem materielle Sicherheit (wie z.B. Unterkunft und eine geregelte Arbeit) wichtig sind. Dieser lebt nach dem Grundsatz Æes zu was Rechtem zu bringen"(S.6, Z.23/24).

Schloßdame:

Sie ist eine Nichte des Schloßportiers und nicht ,wie zunächst angenommen, eine Gräfin und erwidert die Liebe des Taugenichts, indem sie diesem einen Liebesbrief überbringen läßt. Außerdem ist die Schloßdame (sowie der Taugenichts) ziemlich schüchtern, was sich anhand der Tatsache zeigt, daß die Kammerjungfer als Vermittler zwischen den beiden fungiert, um den ersten Kontakt herzustellen.

5. Zentraler Konflikt

Als zentraler Konflikt dieser märchenhaften Erzählung kann die Revolte gegen die zwecklose und inhumane Geschäftigkeit des modernen Lebens gegen die Tüchtigkeit und gegen den Fleiß des alten und neuen Philisters gesehen werden. Der Taugenichts entgeht letztlich der Gefahr, selbst zum Philister zu werden oder einem antriebslos - faulen Leben zu erliegen durch die Liebe, die in romantisch - überhöhter Form dargestellt wird. Aurelia, mit der sich der Taugenichts schließlich verheiratet, erscheint ihm als ÆGegenwart Gottes in der Welt", als Offenbarung.

6. Erzählweise

Der Erzähler dieser Novelle schildert die Geschehnisse aus der Ich-Perspektive, d.h. der Erzähler ist hier Teil der dargestellten Wirklichkeit und erlebt das Geschehen mit. Er weiß also nur , was er durch dieses eigene Erleben, allenfalls durch Einlassungen Dritter erfahren hat. Dadurch ist der Leser auf die subjektive Schilderung des Erzählers beschränkt, wodurch der Leser ein besonders tiefes Gefühl der Verbundenheit mit dem erzählenden Ich erfährt. Die erzählte Zeit beträgt circa ein drei/viertel Jahr (Anfang: Winterende, morgens/Ende: Herbst, abends). Ein auffälliges von Eichendorff verwendetes stilistisches Merkmal ist die Metaphorik, die so wie die Grundstimmung der Novelle naiv und heiter wirkt. Außerdem streut Eichendorff einige seiner Gedichte ein, die der Taugenichts in der Novelle mit seiner Geige vor sich her spielt und dazu singt. Weiterhin ähnelt die Novelle einem Märchen, was durch die märchenhaft glücklichen Fügungen, die das Schicksal des Taugenichts bestimmen, (wodurch er schließlich nicht nur seine Æschöne gnädige Frau", sondern auch ein Æweißes Schlößchen" mit Garten erhält) und die märchenhaften Landschaften mit ihren Schlössern, Gärten und Wäldern zum Ausdruck kommt.

7. Dingsymbole und Leitmotive

Als Leitmotiv ist die Natur in Zusammenhang mit den Tageszeiten zu sehen. ÆSeelische Landschaften" spiegeln das Innere des Taugenichts wider. Als Dingsymbol kann man die Geige bezeichnen, welche der Taugenichts immer mit sich führt und auf welcher er Lieder spielt und dazu singt. Diese Lieder drücken seine augenblickliche Gefühlslage, seine Pläne, Wünsche und Träume für die Zukunft aus.

8. Literaturgeschichtliche Einordnung

Eichendorffs Werke entstanden in der Epoche der Romantik (1798-1835 in Deutschland) beziehungsweise der Spätromantik und werden oft als ÆWald- und Wanderromantik" bezeichnet, was durch sein Aufwachsen in der Park- und Waldlandschaft seines väterlichen Besitztums Lubowitz (bei Ratibor in Schlesien) zu erklären ist.

Stefan Maas