Jeremias Gotthelf

Die schwarze Spinne

 

Autor und Werk    Inhalt und Thema der Novelle    Aufbau und Struktur

Figurencharakterisierung/-konstellation     Erzählweise    Zentraler Konflikt

Dingsymbol/Leitmotiv    Literaturgeschichtliche Einordnung

1. Autor und Werk

Jeremias Gotthelf hieß mit richtigem Namen Albert Bitzius und wurde am 4. Oktober 1797 in Murten (Kanton Freiburg) geboren. Später gab er sich den Namen eines seiner Romanhelden, Jeremias Gotthelf. Sein Vater war Pfarrer, seine Mutter entstammte einem alten Berner Geschlecht. Er besuchte ein Gymnasium und eine Akademie in Bern, studierte Theologie, Geschichte und Ästhetik in Göttingen. Schon früh als junger Pfarrvikar sah er sich mitten im Kampf zwischen christlicher Lebensordnung und der drohenden Zersetzung durch den liberalen Zeitgeist und die städtische Zivilisation. Um zu retten und helfen, griff Gotthelf zur Feder. Er schrieb viele pädagogische, sozialkritische und christlich orientierte Romane, die in der Berner Bauernwelt spielten, z. B. ÆDie Lebensgeschichte des J. Gotthelf. Von ihm selbst beschrieben" -"Die Armennot"- ÆWie Uli der Knecht, glücklich wird." "Käthie, die Großmutter oder der Weg durch die wahre Not".-"Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen"

Am 22.Oktober 1854 (57 Jahre alt) starb er in Lützelflüh (Kanton Bern).

Über die Entstehung der ÆSchwarzen Spinne" ist bekannt, daß Gotthelf den Stoff seiner Novelle u.a. einer über sechshundert Jahre alten Sage entnommen hat, die aus der Zeit der Pest stammt.

Überdies gibt es viele Sagen im schweizerischen und deutschsprachigem Raum, in denen stoffliche Übereinstimmungen mit der Novelle festzustellen sind. So hat Gotthelf wohl nicht Bruchstücke aus einer Sage sondern verschiedene Sagentypen verarbeitet, nämlich die vom geprellten Teufel, von der verpflöckten Pest, von der Spinne, und auch die vom Wilden Jäger.

Gotthelfs Erzählung erschien zum ersten Male in den ÆBildern und Sagen aus der Schweiz" im Jahr 1842. Sie gilt heute als Meisterstück erzählender Dichtung, wurde aber damals zunächst nicht bsonders beachtet.

2. Inhalt und Thema der Novelle

Thema der Geschichte ist die Überwindung des Bösen durch freiwillige, fast märtyrerhafte

Opfertaten.

Die Novelle beginnt mit einer Tauffeier auf einem Bauernhof. in deren Verlauf die Taufgesellschaft vor dem Haus spazieren geht. Dabei fällt dem Vetter auf, daß an dem Neubau des Bauernhofes ein sehr alter Fensterpfosten mit eingebaut worden ist. Auf sein Bitten hin erzählt der Großvater, was es mit dem Pfosten auf sich hat.

Der Hof, auf dem jetzt die Taufe gefeiert wird, hat früher Rittern gehört, die die Bauern immer mit unerfüllbaren Forderungen unterdrückten und erbarmungslos zu Frondiensten zwangen, so daß diese ihre eigenen Arbeiten nicht mehr ausführen konnten

In dieser ganz besonders verzweifelten Lage bietet der Teufel in Gestalt eines Wilden Jägers seine Hilfe an. Als Lohn will er ein ungetauftes Kind. Die fremde Bäuerin Christine geht mit dem Teufel den Pakt ein.Er besiegelt ihn mit einem Kuß auf ihre Wange.

Als dann ein Kind geboren werden wird ,rettet der Pfarrer durch die Taufe das Kind sofort nach seiner Geburt. Christine spürt unmittelbar danach auf ihrer Wange einen brennenden Schmerz. Dort, wohin der wilde Jäger sie geküßt hat entsteht ein schwarzer Fleck, der anschwillt und zu einer schwarzen Spinne wird.

Nachdem ein nächstes neugeborenes Kind getauft wird, bricht ein Unwetter aus und viele kleine Spinnen werden aus dem Gesicht geboren. Im Dorf verbreitet sich das Unheil, das Vieh stirbt in den Ställen. So erinnert der Teufel an die Erfüllung des Vertrages.

Als man beschließt, das nächste Neugeborene zu opfern, geht das Viehsterben zurück. Christine will das Neugeborene dem Teufel bringen, doch der Priester besprengt es sofort mit Weihwasser. Christine schrumpft zu einer Spinne, die sowohl das Neugeborene als auch den Pfarrer berührt und somit tötet. Nun mordet die Spinne Mensch und Tier. Eines Nachts ergreift eine mutige Mutter die Spinne, drückt sie in ein Loch in den Fensterpfosten und schließt dieses durch einen Zapfen Auch diese Frau stirbt durch die Berührung mit der Spinne, aber Ruhe und Frieden kehrt in das Tal zurück.

In den folgenden Jahrhunderten meiden die Menschen das Böse. Mit der Zeit jedoch werden einige Menschen gottlos, ein übermütiger Knecht befreit die Spinne. Diese tötet fast alle. Bei der nächsten Geburt rettet Christen -ein Nachfahre der mutigen Mutter- das Kind vor dem Teufel, fängt die Spinne und verschließt sie wieder in ihrem alten Gefängnis. Diesen Einsatz bezahlt auch er mit seinem Leben. Im Tal herrscht von nun an Friede und Gottesfurcht.

Als ein neues Haus gebaut wird, fügt ein Vorfahre den alten Fensterpfosten mit ein.

An dieser Stelle endet die Erzählung des Großvaters.

Die Tauffeier geht noch besinnlich bis zum späten Abend weiter. Erst dann trennen sich die Gäste.

3. Aufbau / Struktur

Die Erzählung gliedert sich deutlich in einen Rahmen--die festliche Kindtaufe in einem Bauernhause--und in eine Erzählung in der Erzählung, nämlich die Berichte des Großvaters über unheimliche Ereignisse in der Vergangenheit, die in einer zweimaligen Variation vorgetragen werden.

Rahmen und Kernerzählung werden durch das Motiv der Kindtaufe verbunden, aber durch einen stimmungsmäßigen Gegensatz (beschauliche christliche Feier-grausige Erlebnisse, Einfluß des Teufels) voneinander abgehoben.

Bis zum Ende der ersten Kernerzählung lassen sich vier sich steigernde Höhepunkte aufzeigen:

Vertrag zwischen dem Teufel und Christine, in der die Spinne im Teufelskuss gezeugt wird,

Geburt der kleinen Spinnen aus der einen im menschlichen Gesicht

der Kampf des Priesters mit dem höllischen Ungeziefer

die Märtyrertat der liebenden Mutter

Auch in der zweiten Erzählung des Großvaters wird diese Reihe der sich steigernden Höhepunkte fortgesetzt, und zwar mit den beiden gegensätzlichen Ereignissen

Ausbruch der Spinne aus ihrem Loch durch menschliche Mitwirkung und

heldenhafte Überwindung des Unheils durch Christen.

Der Aufbau Im Überblick

Rahmenerzählung auf dem Großbauernhof findet eine Kindtaufe statt

1. Kernerzählung Erzählung des Großvaters, 600 Jahre zurück

Rahmenerzählung in etwas gedrückter Stimmung geht die Trauerfeier weiter

2.Kernerzählung Erzählung des Großvaters, 400 Jahre zurück

Rahmenerzählung Ende der Tauffeier

4. Figurencharakterisierung/Konstellation

Gotthelfs Figuren sind theozentrisch orientiert, d.h. menschliches Handeln ist immer auf Gott bezogen und der Mensch ist bestimmt durch seine Position Gott gegenüber.

Die beiden Gegensätze Gut und Böse bestimmen die Motive und Charaktere der Handlung

Dabei vollzieht das Gute den Willen Gottes und das Böse verneint Gott und ist letztlich im zeitgenössischen Weltbild begründet. Jedoch fällt auf, daß die Æbösen" Charaktere viel genauer und anschaulicher geschildert werden als die Æguten".

So sind z.B. der Priester und die mutige Mutter weitgehend abstrakt,

 

Der grüne Jäger (Teufel)

Den grünen Jäger beschreibt Gotthelf überaus anschaulich. Er ist lang und dürr, trägt auf dem Barett eine rote Feder, im schwarzen Gesicht ein flammendes rotes Bärtchen, das knistert wie ÆFeuer im Tannenholz". Seine Nase ist gebogen , sein Kinn zugespitzt, dazwischen liegt der fast unsichtbare Mund Æwie eine Höhle unter übergangenem Gestein" , der sich dann Æwie ein Pfeil" spitzt und Æganz holdselig und mild" zu reden beginnt. Seine Augen glitzern wie Schlangenaugen. Er verbreitet einen schrecklichen Schwefelgeruch.

Sein Lachen lehrt die Tiere das Fürchten:.."daß die Fische im Bache sich bargen und die Vögel das Dickicht suchten".

Der Dichter stellt besonders die Falschheit heraus: so macht der Teufel ein mitleidiges Gesicht, Drohgebärden in Richtung der Ritterburg und redet Æholdselig und mild" über so schreckliche Dinge wie das Kindesopfer. Auch ist in der Lage so überzeugend zu reden, daß er selbst den Dorfbewohnern immer weniger schreckhaft erscheint und daß den Dorfbewohnern das Böse immer weniger als Böses vorkommt.". ÆMit dem sei doch zu reden, dachte Christine Æ

Christine

Christine ist die Lindauerin, die mit dem Teufel den furchtbaren Pakt schließt.

Sie wird beschrieben als das entwurzelte, landfremde, böse Weib mit den wilden schwarzen Augen, das keine Furcht kennt. Sie ist zornig und laut, und will sich nicht nur um Haushalt und Kind kümmern. Sie will wissen, was außerhalb des Hauses vor sich geht und hält ihre Ratschläge für .

So stellt Gotthelf Christine als vermessen dar, weil sie den damaligen Vorstellungen von Frau nicht entspricht. Sie erreicht es, daß sich fast alle ihrem Willen unterordnen.. (Als endlich die ganze Versammlung vor Christine wie auf den Knien lag mit Bitten und Flehen und die Verwundeten laut aufschrien und anhielten, da schien Christine zu erweichen. )

Niemand wagt es mehr, sich ihr zu widersetzen. So wird sie zum Symbol des Bösen; im Laufe der Erzählung verwandelt sie sich selbst in die schwarze Spinne.

Die Spinne

Endgültige Verkörperung alles Bösen ist die Spinne.

Das Äußere der Spinne ist schon scheußlich. Sie ist groß und schwarz, mit kurzen Borsten behaart, auf dem Rücken hat sie glänzende Punkte und Streifen und aus ihren Augen blitzt es giftig und sprühend.

Sie kann sich aufblähen und ihre Haar giftig aufbäumen. Sie wirkt kräftig wie ein größeres Tier:

ÆSie tat wie eine Katze, die sich rüstet zum Sprung in des Todfeindes Gesicht."

Sie ist hinterlistig ,doch zugleich auch sanft, wenn sie ihr Ziel erreichen will." es war ihr als ob die Spinne in sanftem Jucken sie liebkose...".

Schadenfroh erfreut sie sich auch an dem Unheil, das sie angerichtet hat" Da starrten allen zuerst das Blut in den Adern...und schadenfroh glotzte die Spinne umher." Mit der Zeit wird sie immer boshafter und teuflischer.

Wie das Böse selber ist sie überall und nirgends, unüberwindlich und verbreitet namenlose Angst. Die Menschen konnten sie nicht meiden ,"da halfen keine zentnerschweren Steine, keine Beile, keine Flucht."

Die Spinne ist einmal ekliges Ungeziefer und gleichzeitig keine wirkliche Spinne mehr sondern ein mythisches Fabelwesen. Zu dem Geisterhaften der Spinne gehört ihre Pluralität. Sie ist nur eine Spinne und erscheint doch in der Vielheit. Welche ist an welchem Ort? Jedoch ist sie in allen ihren Geschöpfen des Grauens die gleiche. Ihr Wirken verbreitet immer endloses Sterben.

Sie ist nicht an Raum und Zeit gebunden und kennt keine sozialen Unterschiede (vernichtet sowohl Ritter als auch Bauern).

Auch als sie in der unmittelbaren Welt des Menschen nicht mehr anwesend ist, bleibt sie doch gegenwärtig . Die geheime Anwesenheit der Spinne bedeutet für die Menschen aber nicht Angst, sondern Mahnung. Denn die unüberwindbar scheinende Spinne kann nur durch den Beistand Gottes und durch Frömmigkeit besiegt werden.

5. Zentraler Konflikt

Gotthelf bringt in seiner Novelle eine Reihe von menschlichen Grundproblemen zur Sprache. das

Der zentrale Konflikt ist der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Teufel und Gott, zwischen geordneter und ungeordneter Welt.

6. Erzählweise

Die Sprache in Gotthelfs Erzählung verfügt über einige charakteristisch Merkmale. Sie ist gekennzeichnet durch

anschauliche Wortwahl (Substantive, Verben, Adjektive)., Æfreundliches, aber enges Tal"," stürzt zum Kampf"

eine biblische Ausdrucksweise, die durch Gotthelfs religiöse Haltung geprägt wurde ÆDa loderte im Priester der heilige Kampfesdrang"

den Gebrauch mundartlicher Ausdrücke: z.B. ätti -Großvater, räf weibsbild, kädern-zanken, eifen Für Gotthelf spiegelt die Muttersprache die Seele und den Geist seiner Heimat wieder. Da sie von Generation zu Generation weitergegeben wird, verbindet sie die Vergangenheit mit der Gegenwart

Wortspiel :sauste und brauste, Schlünde und Gründe

Wortwiederholungen : giftig bäumten sich die Haare..giftig und sprühend glotzten....

anschaulicher Vergleiche :obenan der von Stoffeln, ein wilder, mächtiger Mann, der einen

Kopf hatte wie ein doppelt Bernmäß, Augen machte wie Pflugsräder und einen Bart

hatte wie eine alte Löwenmähne

und durch seine langen, unübersichtlichen Sätze :ÆUm das Haus lag ein sonntäglicher Glanz, den man mit einigen Besenstrichen, angebracht zwischen Tag und Nacht, nicht zu erzeugen vermag, der ein Zeugnis ist des christlichen Erbgutes angestammter Reinlichkeit, die alle Tage gepflegt werden muß.."

7. Dingsymbole/Leitmotive

Rahmen und Erzählung der Novelle sind durch das Dingsymbol des düsteren , schwarzen Fensterpfostens verklammert. Da der alte Pfosten auch in das neue Haus mit eingebaut ist, ragt also die Vergangenheit unmittelbar in die Gegenwart hinein. Es wird zum Sinnbild einer ständig auf der Lauer liegenden Bedrohung, da sich die Spinne noch im Inneren des Pfostens befindet, wenn sie auch entmachtet ist. Überdies erinnert der Pfosten aber auch an die Bereitschaft, den Kampf mit den dämonischen Mächten aufzunehmen, wie es die Vorfahren des Hauses getan haben.

Der symbolische Sinn des Hauses muß in der zweifachen Bedeutung von Bleiben und Vergehen verstanden werden. Kein Glied der Familie darf vergessen, Æwas ein Haus bauet und ein Haus zerstöret, was Segen bringt und Segen vertreibt." Wohl müssen die alten Häuser den neuen weichen.

Das Kern- und Leitmotiv ist das Motiv der Taufe, ergänzendes Rahmenmotiv ist der Gegensatz zwischen Hoffart und Gottesfurcht.

Auffallend ist auch eine Motivgleichheit. Bei Handlungen des Menschen, die vom Bösen geleitet sind, kommt es immer zum Toben der Natur. Blitze zucken, Unwetter brechen aus und Bäume splittern. So spiegelt sich die Haltung Gottes den Menschen gegenüber in der Natur.

8. Literaturgeschichtliche Einordnung

Die Novelle gilt als Meisterwerk des Biedermeier.

Die Dichter haben Humor, ein enges Verhältnis zur Natur und stoßen in ihrer Dichtung vom Realen ins Mythische vor.

Diese Epoche ist gekennzeichnet durch folgende Merkmale: Konzentration auf konservative Werte, Heimatverbundenheit, Kirchenzugehörigkeit, hohes Ansehen der Familie und unpolitische Haltung.

Charlotte Idel

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