Theodor Fontane, Grete Minde

Autor und Werk     Inhalt und Thema der Novelle     Aufbau und Struktur

Figurencharakterisierung/-konstellation     Erzählweise    Zentraler Konflikt

Dingsymbol/Leitmotiv    Literaturgeschichtliche Einordnung

1. Autor und Werk

Der Schriftsteller Theodor Fontane wurde am 30.Dezember 1819 in Neuruppin als Sohn eines Apothekers geboren. Anfangs war Fontane als Apotheker in Leipzig tätig. Seit 1842 lebte er in Berlin und wurde von M.Saphir in den Dichterkreis ÆTunnel über der Spree" eingeführt. 1852 ging er als Korrespondent nach London und leitete dort von 1855-1859 die im Auftrag des preußischen Ministerpräsidenten erscheinende deutsch-englische Korrespondenz. Später war er Kriegsberichterstatter in den Feldzügen von 1864, 1866 und 1870 wobei er 1870 in französische Gefangenschaft geriet. Außerdem war er von 1860-1870 Mitarbeiter der ÆKreuzzeitung", danach Theaterkritiker der ÆVossischen Zeitung", für die er bis 1889 schrieb.

Angeregt durch schottische Balladen begann Fontane als Balladenschriftsteller (ÆArchibald Douglas", ÆJohn Maynard", ÆDie Brück`am Tay"). Seine großen erzählerischen Werke entstanden erst später. Zunächst schrieb er, in Anknüpfung an W.Scott und W.Alexis , historische Romane, wie z.B.die vier Bände ÆVor dem Sturm" (1878). In seinen folgenden Romanen beschrieb er realistisch und auch kritisch die damalige märkische und besonders die berliner Gesellschaft, den Adel und das Bürgertum. So z.B. die Werke ÆIrrungen, Wirrungen" (1888), ÆFrau Jenny Treibel"(1893) und ÆEffi Briest"(1895). Weitere wichtige Romane sind unter anderem

ÆGrete Minde"(1880), ÆEllernklipp"(1881), ÆGraf Petöfy"(1883), ÆUnterm Birnbaum"(1885) und

ÆMathilde Möhring"(1908, entstanden 1891).

Theodor Fontane starb am 20. September 1898 in Berlin.

2. Inhalt und Thema der Novelle

Die Kritik an der Gesellschaft und deren Æfanatischen" Glauben wird am Beispiel von Grete Minde, der Tochter des reichen, alteingesessenen Ratsmitglied Jakob Minde und einer Spanierin, dargestellt.

Grete wächst in einer lieblosen Umgebung in der Gemeinde Tangermünde auf. Ihre Erziehung übernimmt die Frau des älteren Bruders Gerdt, da Gretes Mutter in dieser Gemeinde nicht akzeptiert wurde (wegen ihres anderen Glaubens) und weggegangen war. Gerdt stammt aus der ersten Ehe des Vaters und ist seiner Schwester nicht besonders verbunden, da sie aus der zweiten Ehe stammt, und ihre Mutter dazu noch eine Katholikin (Æim alten Glauben") war. Trud, Gretes Schwägerin, versucht nun durch strenge und sehr religiöse Erziehung Grete von dem ÆAberglauben" und ÆBösen" freizumachen. Die Abneigung der beiden zueinander wird zu Haß und schließlich läuft Grete nach einer Auseinandersetzung, bei der sie Trud geschlagen hat, fort. Begleitet wird sie von Valtin, dem Nachbarsjungen, den sie schon seit früher Kindheit kennt.

Drei Jahre nach ihrer Flucht stirbt Valtin, und Grete muß ihm versprechen nach Tangermünde zurückzukehren um bei Gerdt um Verzeihung zu Bitten. Falls dieser hart bleiben sollte, müsse sie ihr Erbe einklagen.

Vorerst gibt es jedoch das Problem eine Grabstätte für Valtin zu finden, da sie während der drei Jahre mit Puppenspielern umherzogen, und ihm niemand ein geweihtes Stück Erde geben möchte. Grete findet jedoch noch zwei Nonnen in einem halb verwildertem Kloster, die mit dem Æalten Prediger" verfeindet sind. Dort im Klostergarten wird Valtin begraben.

Sofort nach dem Begräbnis macht sich Grete auf, das Versprechen, das sie Valtin gegeben hat, einzulösen. Mit ihrem Kind, das sie von Valtin hat, geht sie zurück nach Tangermünde in das Haus ihres Bruders. Dieser weist Grete, die vor ihn auf die Knie gefallen ist um ihn zu Bitten, sie als Magd aufzunehmen, wieder ab. Wütend geht sie zum Rat, um ihr Recht auf das Erbe zu fordern. Gerdt jedoch, der nach seinem Vater nun der nächste Minde im Rat ist, kann die übrigen Ratsmitglieder davon überzeugen, daß Grete keinen Anspruch auf ein Erbe hat.

In der Nacht darauf legt Grete einen Brand in einer Scheune. Die Flammen ergreifen schnell auch andere Gebäude, so daß bald die ganze Stadt brennt. Grete selbst ergreift den Sohn ihres Bruders und steigt auf den Kirchturm, wo sie durch das herabstürzende Dach getötet wird.

3. Aufbau / Struktur

Die Novelle ist in 20 Kapitel unterteilt. Über jedem Kapitel steht eine kurze Überschrift oder auch nur ein einzelnes Wort.

Auch lassen sich einzelne Etappen in Gretes Leben erkennen:

Tangermünde

Flucht (Klimax)

Zeit bei den Puppenspielern

Tangermünde (Katastrophe)

4. Figurencharakterisierung /-konstellation

Die Figuren dieser Novelle kann man nach Religionen in zwei Gruppen teilen. Die erste Gruppe bilden die Katholiken Grete und die Nonnen. Die zweite Gruppe bilden die Tangermünder, die dem evangelisch-lutherischen Glauben angehören (Trud, Gerdt, Valtin ).

Grete: Grete Minde ist die Hauptfigur dieser Novelle. Sie wächst in einer strengen Umgebung auf und hört gerne Geschichten über ihre Mutter, die sie nicht kennt. Der einzige Familienangehörige, dem sie sehr eng verbunden ist, ist ihr Vater. Dieser ist jedoch schon sehr alt, weshalb Trud den Haushalt übernimmt.

Grete hat einen starken Willen und weiß, was sie will (ÆIch weiß, du hast ein trotzig Gemüt."). Sie fühlt sich schuldig an Valtins Tod und in gewisser Hinsicht auch für das, was sie ihrer Familie angetan hat. Ihr Schicksal scheint von Anfang an vorherbestimmt.

Valtin: Er hat wie Grete keine Mutter mehr und wird von der Stiefmutter Emrentz erzogen. Diese kümmert sich mehr um sich selbst, als um Valtin. Dadurch halten sie sich gegenseitig aus. Er liebt Grete die ganzen Jahre hindurch und flieht sogar mit ihr. Es ist ihm egal, welchen Glauben Grete hat; er ist dem fremdartigen Zauber Gretes ganz und gar verfallen. Er sieht keine Fehler in Grete, und für ihn war die Zeit, die er mit ihr hatte, die glücklichste seines Lebens (ÆDu hast mich nicht um das Glück gebracht. Es war nur anders als andrer Leute Glück.").

Trud: Trud ist streng gläubig. Sie hat das Sagen im Mindschen Haushalt und ihren Mann Gerdt fest in der Hand. Sie ist eine strenge Person, die kaum lacht und immer Æin Staat, in hoher Stehkrause und goldener Kette" zu sehen ist. Sie ist eifersüchtig auf Gretes Mutter, von der immer wieder gesagt wird, sie sei eine sehr schöne Frau gewesen. Auch auf Grete ist sie eifersüchtig, da diese die Liebe Valtins hat. Eine solche Liebe hat Trud ihr ganzes Leben lang vermißt.

Gerdt: Gerdt ist faul und läßt sich von Trud sehr leicht beinflussen. Er haßt Grete, da sie von der zweiten Frau seines Vaters ist, wegen der der Vater Gerdts Mutter verlassen hat.

Regine: Sie ist die Erzieherin von Grete und erzählt dieser immer von der Mutter.

Die Nonnen: Eigentlich bewohnen nur noch wenige Nonnen das Kloster in Arendsee. Dorthin sollte Grete nach der Auseinandersetzung mit Trud geschickt werden, doch Grete ist noch in jener Nacht geflohen. Die Domina sieht Gretes Tod voraus.

Puppenspieler: Sie spielen am Anfang und Ende des Buches das Stück: ÆDas jüngste Gericht". Mit ihnen ziehen Grete und Valtin eine zeitlang durch das Land.

5. Zentraler Konflikt

Der zentrale Konflikt dieser Novelle ist der Konflikt zwischen den Religionen. Grete ist durch das Erbe ihrer Mutter (ihren Glauben) eine Fremde in der eigenen Heimat.

Ein Beispiel dafür, wie weit die Tangermünder in ihrer Unterscheidung gehen, ist der Besuch des Kurfürsten. Die Menschen der Gemeinde fühlen sich von ihm verraten, da er vom lutherischen Glauben zum reformierten Glauben übergetreten ist.

ÆGrete Minde ist eine Geschichte um Schuld und Sühne."

6. Erzählweise

Die Novelle ist aus der Sicht eines auktorialen Erzählers geschrieben.

Die erzählte Zeit umfaßt ungefähr sieben bis acht Jahre. Allgemein werden nur einzelne Begebenheiten aus Gretes Leben erzählt. Dazwischen werden einige Monate und einmal sogar drei Jahre ausgelassen.

Neben dem Gebrauch des Hochdeutschen finden sich im ganzen Buch einige Passagen der märkischen mundart. Vor allem während der Zeit in Arendsee und der Rückkehr nach Tangermünde wurde die mundart häufiger benutzt.

Der Fontane-Biograph Conrad Wandrey nannte diese Erzählung eine Æballadeske Novelle".

Damit sind die knappe Aufzählung der Ereignisse, die starke Konzentration auf eine Hauptperson, das auf das Ende verweisende Motiv des Puppenspiels vom ÆJüngsten Gericht" und die ÆBewußt archaisierende Sprache mit altertümlichen Wendungen und Worten" gemeint.

Auch auffällig ist, daß sich entscheidende Taten und Gefühle in der Natur wiederspiegeln (z.B. zieht ein Gewitter auf, als Grete das Feuer legt).

7. Dingsymbole / Leitmotive

Es gibt keine eindeutigen Dingsymbole oder Leitmotive, aber es gibt einige Dinge, die sich im Laufe der Geschichte wiederholen (z.B. das Puppenspiel am Anfang und am Ende des Buches).

8. Literaturgeschichte/ Einordnung

Als Vorlage für diese Novelle nahm Fontane die Lokalchronik von Tangermünde aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Darin heißt es, daß eine Frau aus Rachsucht die Stadt anzündete.

Fontane ist ein Vertreter des deutschen Realismus.

Jacqueline Oertel