Joseph von Eichendorff, Das Schloß Dürande

 

Autor und Werk    Inhalt und Thema der Novelle    Aufbau und Struktur

Figurencharakterisierung/-konstellation     Erzählweise    Zentraler Konflikt

Dingsymbol/Leitmotiv   Literaturgeschichtliche Einordnung

1. Autor und Werk

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff wurde am 10. März 1788 auf Schloß Lubowitz in Oberschlesien geboren. Im Jahr 1805 begann er sein Jurastudium an der Universität Halle und ging 1807 im Rahmen seines Studiums nach Heidelberg, wo er Joseph Görres, Achim von Arnim und Clemens Brentano kennenlernte. Bei einer Reise nach Berlin machte er die Bekanntschaft Adam Müllers und Heinrich von Kleists, bevor er sich nach Abschluß seiner Studien 1810 in Wien Friedrich Schlegel und seinem Kreis anschloß und auf diese Weise in Kontakt zu den ersten und wichtigsten Vertretern der deutschen Romantik trat. Ein Jahr zuvor hatte er seine erste Prosadichtung ÆDie Zauberei im Herbste" veröffentlicht und arbeitete an dem Roman ÆAhnung und Gegenwart".

An den preußischen Befreiungskriegen nahm Eichendorff als Offizier teil und war Mitglied des Lützowschen Freikorps. Nach der Heirat mit Luise von Larisch schlug er 1816 die Beamtenlaufbahn ein, zunächst als Referendar bei der Breslauer Regierung. Nach verschiedenen Posten in Danzig und Königsberg erhielt er 1831 das Amt des Regierungsrates für katholische Angelegenheiten im Kultusministerium Berlin. Diesen Amt bekleidete er, bis ihn 1844 ein Konflikt mit dem Minister zum Rücktritt aus dem Staatsdienst zwang. Er starb 1857 an den Folgen einer Lungenentzündung.

Während und besonders nach seiner politischen Karriere verfaßte Eichendorff zahlreiche Werke verschiedener Gattungen. Seine 1837 herausgegebene Novelle ÆAus dem Feben eines Taugenichts" gilt als sein bedeutendstes Werk. Weiterhin schrieb er die Novellen ÆDas Marmorbild" (1819), ÆDichter und ihre Gesellen" (1834), ÆDas Schloß Dürande" (1837) und ÆDie Glücksritter" (1841), die Trauerspiele ÆEzelin von Romano" (1828) und ÆDer letzte Held von Marienburg" (1830) und gab 1837 seinen ersten Gedichtband heraus. Darüberhinaus schrieb er einige nichtfiktionale Texte, die sich mit der deutschen Literaturgeschichte befassen, wie z.B. ÆDer deutsche Roman des 18. Jahrhunderts" (1851) oder ÆGeschichte der poetischen Literatur Deutschlands" (1857).

In der zu untersuchenden Novelle ÆDas Schloß Dürande" beschäftigt sich Eichendorff mit der Thematik der Französischen Revolution, die das Gedankengut der Romantiker entscheidend beeinflußt hat. Eichendorff selbst stand der Revolution mit Unverständnis gegenüber. Dies erklärt wohl, warum er den grausamen Geschehnissen in seiner Novelle eine romantische Liebesgeschichte gegenüberstellt.

 

2. Inhalt und Thema der Novelle

Die Novelle ÆDas Schloß Dürande" beschreibt die Liebesgeschichte Gabrieles, eines Mädchens aus dem Volke, und eines jungen Grafen vor dem Hintergrund der Französischen Revolution.

Gabriele lebt mit ihrem Bruder Renald, der als Jäger im Dienst des Grafen Dürande steht, in einem Forsthaus, das in der Provence nahe Marseille gelegen ist. Als Renald eines Tages erfährt, daß seine Schwester Besuch von einem fremden Mann bekommt, während er selbst tief im Wald ist, versucht er, dem Paar aufzulauern. Tatsächlich sieht er den Fremden und schießt auf ihn, sein Schuß streift jedoch Gabriele. Ihr Liebhaber will zurückschießen, ergreift dann aber die Flucht. An seiner Pistole, die er am Ort des Geschehens vergißt, erkennt Renald, daß es sich um den Sohn des alten Grafen handelt. Gabriele beteuert jedoch, die Identität ihres Liebhabers nicht zu kennen.

Nach diesem Vorfall beschließt Renald, Gabriele in ein Kloster zu bringen. Als Gabriele dort eines Abends mit einer anderen Nonne am Fenster sitzt, bemerken sie einen fremden Mann, der über die Klostermauer klettert. Vor Schreck läßt sie ihr Taschentuch fallen. Als sie es wiederholen will ist es verschwunden, und sie hört Ruderschläge auf dem Fluß.

Bald darauf wird der Namenstag der Priorin auf einem nahegelegenen Gut gefeiert. Eine Jagdgesellschaft kommt vorbei und bittet um etwas zu trinken; ihren Anführer erkennt Gabriele als ihren Liebhaber. Erst jetzt erfährt sie, daß es der junge Graf Dürande ist.

Etwa vierzehn Tage später bittet Renald den alten Grafen um die Erlaubnis für eine Reise nach Paris, unter dem Vorwand, seine Schwester sei dort bei Verwandten. In Wahrheit hat er einen Verdacht: Der Sohn des Grafen befindet sich in Paris, um dort den Winter zu verbringen, und gleichzeitig ist Gabriele aus dem Kloster verschwunden. Er vermutet einen Zusammenhang.

In Paris begibt sich Renald zu seinem Vetter, der ein Wirtshaus besitzt. Dort begegnet er einigen üblen Gesellen, die ihn wegen seines Bandeliers, das ihn als Lehnsmann Dürandes auszeichnet, bedrängen. Ein Fremder spricht ihn an und schreibt ihm einen Zettel, den er Dürande geben solle. Renalds Vetter bezeichnet ihn als ÆFeind der Tyrannen".

Noch in derselben Nacht sucht Renald den jungen Grafen auf und bittet ihn, ihm Gabriele wiederzugeben. Dürande ist überrascht über diese Anschuldigung und bestreitet zu wissen, wo sie sei. Renald, der das Taschentuch seiner Schwester auf dem Tisch entdeckt, überreicht ihm den Zettel des Fremden. Nachdem er ihn gelesen hat, wirft Dürande den Jäger wütend hinaus. Der Zettel enthielt eine Warnung.

Beim Hinausgehen erkennt Renald eine Gestalt am Fenster und hört eine Stimme singen; er ist sicher, daß es sich um seine Schwester handelt.

Nach dem erfolglosen Versuch, einen Anwalt zu finden, der seine Angelegenheiten vertritt, beschließt Renald, den König Ludwig XVI. Persönlich aufzusuchen. In dessen Gefolge befindet sich auch der junge Graf, der ihn als Wahnsinnigen bezeichnet und von den Wachen abführen läßt. Renald wird in ein Irrenhaus gebracht, kann aber nach einiger Zeit fliehen und macht sich auf den Weg zurück in die Provence, wo er als verschollen gilt.

Im Forsthaus wohnt nun der Waldwächter. Renald holt seine Büchse und verschwindet wieder. Der Waldwächter berichtet dem alten Grafen, der die revolutionären Ereignisse weitestgehend zu ignorieren versucht, vom Wiederauftauchen Renalds. Der Graf bringt dies mit der Revolution in Verbindung und versucht, um seine Ehre als Adeliger zu retten, sich umzubringen, indem er in sein Schießpulverlager im Schloßturm Feuer legt. Dies kann verhindert werden, jedoch stirbt der Graf wenig später an den Folgen eines schweren Fiebers.

Auf die Nachricht vom Tod seines Vaters kehrt der junge Graf aus Paris zurück. Er hält die Angst vor der Revolution für übertrieben. Er möchte Gabriele im Kloster besuchen, findet es aber verlassen vor. Als er zum Schloß zurückkommt, hört er aus einem Fenster jemanden singen; laut eines Dieners ist es der neue Gärtnerbursche.

Während seiner Abwesenheit ist ein Brief von Renald eingetroffen, in dem er ihn ultimativ auffordert, Gabriele als Gemahlin anzuerkennen. Der Graf gibt das Zeichen, das laut Verabredung ÆNein" bedeutet. Als er die Aufruhr bemerkt, die seine Ablehnung hervorruft, läßt er das Schloß befestigen. Man bemerkt jedoch das Verschwinden des neuen Gärtnerburschen. Der Schloßwärter, der als einziger weiß, daß dieser in Wirklichkeit Gabriele ist und es Dürande mitteilt, wird geschickt, ihn zu suchen. Der Graf bietet Renald ein Duell als Entschädigung.

Die Revolutionäre verschaffen sich derweil Zugang zum Schloß, unter ihnen Renald. Als es zum offenen Kampf auf dem Schloßhof kommt, scheint der Graf bereits verloren. Das Erscheinen einer Gestalt auf dem Balkon, die das Banner schwenkt und fälschlicherweise für Dürande selbst gehalten wird, rettet ihn. Er erkennt Gabriele und eilt zu ihr, bemerkt aber, daß sie verwundet ist. Auch er selbst wird von einer Kugel getroffen, trägt aber die tödlich verletzte Gabriele hinaus in den Wald, wo sie beide sterben.

Renald, der nun sein Richteramt erfüllt sieht, findet den schwer verwundeten Schloßwärter und erfährt von ihm, daß Gabriele nicht vom Grafen entführt wurde, sondern ihm freiwillig und ohne sein Wissen als Gärtnerbursche verkleidet gefolgt war, und daß beide nun tot seien. Renald entzündet daraufhin das Schießpulver im Schloßturm und zerstört das Schloß.

 

3. Aufbau und Struktur

Die Novelle ist nicht in Kapitel unterteilt. Der Erzähler behält in seiner Schilderung der Ereignisse eine streng chronologische Reihenfolge ein. Allerdings geht nicht jede Szene nahtlos in die folgende über. Ein Zeitsprung ist besonders auffallig: Als Renald nach seiner Reise nach Paris unverhofft wieder in der Provence auftaucht. Seine Erlebnisse im Pariser Irrenhaus werden retrospektiv erzählt. Dies ist jedoch das einzige Mal, daß die ansonsten streng zeitliche Anordnung der Ereignisse durchbrochen wird. Dieser Punkt ist gleichzeitig ein wichtiger in bezug auf die Handlung. An dieser Stelle hat Renald beschlossen, Rache zu nehmen, so daß das Schicksal seinen Lauf nimmt. Er kann daher als Wendepunkt bezeichnet werden.

 

4. Figurencharakterisierung

In der Novelle gibt es drei das Geschehen bestimmende Hauptfiguren:

Das Geschwisterpaar Renald und Gabriele, die in einem Jagdhaus im Forst um das Schloß Dürande leben. Sie haben ihre Eltern früh verloren und leben seitdem allein. Renald, als Jäger im Dienst des alten Grafen tätig, ist der ältere von beiden und fühlt sich für seine kleine Schwester verantwortlich. Er ist sehr jähzornig und zieht oft vorschnelle Schlüsse. Diese Charaktereigenschaften führen sogar so weit, daß er zwei Menschen umbringt, den jungen Grafen und seine eigene Schwester.

Gabriele ist verliebt in den jungen Grafen und außerdem sehr verträumt. Um zu ihrem Geliebten zu gelangen, verschwindet sie sogar aus dem Kloster, in das ihr Bruder sie geschickt hat. Sie ist sehr mutig und setzt zweimal ihr eigenes Leben aufs Spiel, um das ihres Geliebten zu retten.

Der junge Graf ist ebenfalls in Gabriele verliebt. Er ist sehr selbstbewußt und läßt sich durch Renalds Drohungen nicht beeindrucken. Die allgemeine Aufregung um die Revolution kann er nicht verstehen.

Desweiteren treten noch Personen wie der alte Graf, die Priorin oder Nicolo, der Schloßwärter, auf.

 

5. Zentraler Konflikt

Der zentrale Konflikt der Novelle ist die Liebesgeschichte des Grafen Dürande und Gabrieles, die der Bruder der letzteren mit allen Mitteln zu verhindern bzw. zu zerstören versucht. Er ist eifersüchtig und hat Angst, seine Schwester zu verlieren. Dies endet mit einer Katastrophe. Gabriele und der Graf werden getötet. Hintergrund des Geschehens ist die Französische Revolution.

 

 

6. Erzählweise

Das Geschehen wird von einem außerhalb der Handlung befindlichen auktorialen Erzähler geschildert. Er bleibt durch die gesamte Erzählung hindurch verborgen.

Die Novelle ist in altertümlicher Sprache geschrieben und es tauchen oft Fremdwörter aus dem Lateinischen, Französischen oder Italienischen auf. Desweiteren bringt Eichendorff viele Vergleiche von Mensch und Natur, wie z.B. ÆDer Wald, der alte Schloßgesell" oder ÆGesicht und Haar, wie brennender Dornbusch". Außerdem ist auffällig, daß er durch die ausführliche Beschreibung von Landschaft und Natur einen Kontrast zum turbulenten Geschehen schaffen möchte. Ein weiteres Merkmal der Erzählweise sind die immer wieder auftauchenden Lieder der deutschen Romantik (ÆEin Gems auf dem Stein...", S.4; ÆGut Nacht, mein Vater und Mutter...", S.6).

Weiterhin ist zu bemerken, daß Anfang (ÆIn der schönen Provence...") und Ende (ÆDas sind die Trümmer des Schlosses Dürande...") einen Rahmen bilden und an ein Märchen erinnern. Dieser Eindruck wird durch die abschließende Moral, in der der Autor den Leser direkt anspricht, noch verstärkt.

 

7. Dingsymbole / Leitmotive

Als Leitmotiv der Novelle kann das Schloß bezeichnet werden. Es ist der Wohnsitz des Grafen, außerdem beginnt die Geschichte mit der Erwähnung des Schlosses, es taucht im Laufe der Geschichte immer wieder auf und die Novelle endet mit seiner Zerstörung. Gleichzeitig ist es damit Schauplatz der Endkatastrophe, in der das Liebespaar umkommt.

 

8. Literaturgeschichtliche Einordnung

Eichendorffs Novelle ist eindeutig der Romantik zuzuordnen. Nicht nur seine Erzählweise, die Gefühle und Empfindungen in den Vordergrund stellt, weist darauf hin, sondern in besonderem Maße der Kontrast zwischen Hinter- und Vordergrund, d.h. zwischen der grausamen Revolution auf der einen und der Liebesgeschichte auf der anderen Seite. Der Kontrast wird dadurch noch interessanter, daß man mit der Revolution das Aufklärerdenken verbindet, dem sich Eichendorff als Romantiker durch seine gefühlsbetonte Erzählweise widersetzt. Insofern stellt er sich in zweierlei Hinsicht gegen sie: Er kritisiert die Grausamkeit als Ergebnis der Revolution wie auch ihr Gedankengut an sich. Ein politisches Thema als Gegenstand einer romantischen Novelle ist allerdings eher ungewöhnlich.

Die Lyrik spielte in der Romantik eine besondere Rolle, denn in ihr konnte man den überschwenglichen Gefühlskult am besten ausleben. Auch in die vorliegende Novelle wurden an vielen Stellen Lieder und Gedichte eingebaut.

Die literarische Form der Novelle, der dieses Werk zuzuordnen ist, erlangte in der Romantik besondere Bedeutung. Viele Novellen von Eichendorffs Zeitgenossen, z.B. Brentano oder Kleist, zählen zu den wichtigsten Bestandteilen der deutschen Literatur.

 

 

 

 

Julia Ernst

Swantje Wallbraun